Nachdenklich…

Nach langer Zeit der Funkstille von meiner Seite aus, in der einiges – vor allem in letzter Zeit – passiert ist, greife ich mal wieder auf dieses Medium zurück. Es erscheint mir einfach das beste zu sein, das zu meinen Gedanken passt.

Ihr kennt doch bestimmt jene Pseudo-Gespräche, die ein Großteil unserer Bevölkerung gerne unter der Dusche führt. Gespräche mit Personen, die einem antworten, obwohl sie gar nicht da sind. Man selbst stellt sich vor, was sie sagen würden oder könnten. Dabei ist die Chance, dass ein solches Gespräch auch nur zum Teil so stattfindet, wie man es sich vorstellt gleich null.

Ich habe mich – nach einem solchen Pseudo-Gespräch – gefragt, ob mir die Gespräche eigentlich etwas nutzen. Ich setze sie doch eh nicht in die Tat um. Und falls doch, dann ist alles ganz anders als ich mir das vorgestellt habe. Trotzdem ertappe ich mich immer wieder dabei, ein solches Gespräch zu führen. Also scheint es ja auch nicht allzu schlimm zu sein, immerhin habe ich noch keinen Grund gefunden, mir diese Gewohnheit abzugewöhnen. Was ist es also, was mich dazu treibt ein Gespräch mit mir und einem anderen „mir-aber-auch-nicht-wirklich-mir“ zu führen?

Ich glaube einfach, dass ich dadurch eine gewisse Sicherheit erlange. Auf diese Weise kann ich alle Eventualitäten durchgehen. Ich komme mit mir selbst ins Reine. Da ich die Gespräche vor allem dann führe, wenn ich mit irgendjemandem Zoff hatte, oder diskutierte, kann ich so meine Gefühlswelt wieder aufräumen. Sie richten. Natürlich fällt es nicht immer zu meinem Gunsten aus – ich behaupte sogar fast nie – aber das muss es ja auch nicht. Ich kann mir meiner Fehler so bewusster werden und sie dann beheben. Oder eben auch nicht, wenn ich zu ihnen stehe. Ich kann mich auch freuen, dass meine Argumentation immer noch nach mehreren Durchläufen genau so durchschlagend klingt, wie sie es während der Diskussion tat – auch wenn darauf die Reue einsetzt, schadenfroh zu sein. Es ist ein kleiner Triumph.

Im großen und ganzen nutzen mir derlei Gespräche also sogar viel. Darum ist es auch gut, dass ich sie führe. Ob sich das seltsam anhört oder anfühlt, spielt keine Rolle (aber ja, das tut es), solange es mir gut dabei geht.

War faul und nutzte die App.

Ausgelutscht…

Abgebrannt. Am Ende. Leer. Einfach nur leer.

So fühle ich mich schon seit Wochen. Ich sitze vor meinem Schreibblock, vor dem Laptop, vor einem Stück herausgerissenem Papier irgendeines Schulheftes. Den Stift fest umklammert, die Finger auf die Tastatur gedrückt. Der Blick gebannt. Auf Papier, auf den Bildschirm gerichtet. Ich schaffe es sogar hin und wieder ein paar Worte zu schreiben, kritzel, tippe vor mich her. Doch nur einige hundert Wörter, ein Nichts also und schon verwerfe ich es, lösche es, zerknülle es, schmeiß es weg.

Eine Schreibblockade ohnegleichen. Monatelang. Langsam fing es an. Ich überlege. Ein Thema? Kein Problem. Wie wäre es denn mit… oder… ja, genau… was denn nun? Ich habe NICHTS! Zum Teufel damit! Morgen fällt mir mehr ein!

Doch auch am nächsten Tag ergeht es mir ebenso. Wieder will mir kein Thema einfallen. Habe ich nichts mehr, über das ich schreiben kann? Interessiert mich nichts mehr? Nein, das ist es nicht. Ich habe immer noch Dinge, die mich interessieren. Aber ich kann nicht darüber schreiben. Ich will, aber ich kann nicht. Warum nicht? Warum klappt es einfach nicht? Das ist zum Kotzen!

Tage später, die gleiche Misere: Ich stecke schon seit Tagen in einer Blockade. Mittlerweile habe ich mich damit abgefunden, will mir ein wenig Zeit und Raum nur für mich geben. Blocke ab. Werde einsam. Doch das kann es auch nicht sein. Wie kann mir das helfen, wieder die Worte zu finden, die ich verloren habe?

Also, wird der Entschluss gefasst, ich werde wieder in die Gesellschaft eingegliedert. Doch auch das hilft nicht. Es hilft nur, zu vergessen. Vergessen, dass da jemals das Schreiben war. Es tut aber auch gut, nicht schreiben zu wollen. Ein ekelhafter Gedanke, aber er tat wirklich gut. So muss sich Sünde anfühlen. Sie tut dir gut, aber in Wahrheit zerstört sie dich. Wie ein Streichholz, das entzündet wird. Ich fange an zu brennen, ich will, ich will, ich WILL! Doch das Feuer in mir brennt immer schwächer, immer kleiner. Irgendwann wird es ganz erlöschen und dann bleibt nichts als ein kleiner Rauchfaden zurück, der von einem schwarzen, krummen, zerbrechlichem Stück Holz aufsteigt. Und mit ihm all die Hoffnungen, Wünsche, Sehnsüchte und Träume, die mir das Schreiben gab.

Wenn es erst einmal so weit ist, was wird dann aus mir? Werde ich alt und grantig sein, verrunzelt und der Schrecken der Nachbarskinder? Werde ich sentimental? Verliere ich meine Gefühle und Emotionen, die eh schon so rar gesät sind? Oder verliere ich einfach nur den Bezug zum Wort? Lege ich das Schreiben ab, wie ein Hobby, das allmählich langweilig wird? Sehe ich mich nach etwas Spannenderem um?

Nie, so hoffe ich, wird es jemals so weit kommen. Das möchte ich nicht. Ich will ich bleiben. Aber ich will ein schreibendes Ich bleiben!

You shall shit bricks…

Als Lego-Mann führe ich ein bescheidenes Leben. Naja, so bescheiden auch wieder nicht, immerhin genieße auch ich es so gut ich kann.

Jeden Morgen wache ich in meinem harten, genopptem Bett auf. Gähnend schlurfe ich ins Badezimmer, das aus vielen verschiedenen bunten Steinen gebaut ist. Wie der Rest des Hauses auch. Uns Arbeitern ist eben nicht so viel Glück beschieden, wir verdienen nicht genug, um uns ein Haus zu kaufen, das von einem Profi oder Hobby-Bastler gebaut wurde. Mein Haus entstand aus der Hand eines unkreativen Kindes – und das sieht man auch an allen Ecken! Aber immerhin hat das Kind an die Inneneinrichtung gedacht.

Seufzend steige ich in die Dusche, um mich von kleinen blauen Lego-Steinen berieseln zu lassen. Seufzend, weil ich – wie fast immer eigentlich – keine Lust auf die Arbeit habe. Immer das selbe. Wenn ich mit der Dusche fertig bin, gehe ich wieder in mein Zimmer, um mich anzuziehen. Der Kleiderschrank wird geöffnet und dort hängen fein säuberlich die verschiedenen Lego-Mann-Unter- und -Oberteile. Ich reiße mir die Beine aus, die ich zum Schlafen benutzt habe und entscheide mich für ein schlichtes blaues Beinpaar. Auch der Kopf wird vom Oberkörper getrennt und auf ein Oberteil gesetzt, das ein Hemd mit Krawatte erkennen lässt. Dann stecke ich auch den Rest des Körpers wieder zusammen und greife nach dem Hut, den ich mir mit einem sanften „Click!“ auch auf den Kopf stülpe.

Danach schlinge ich schnell das ungenießbare Frühstück herunter und steige in mein schlecht zusammengebautes Auto. Ich hoffe nur, dass es heute mal heil ankommt – und habe damit auch Glück. Yay… immerhin das klappt heute mal.

Im Büro angekommen erwartet mich auch keine Überraschung. Leider. Wäre mal abwechslungsreicher. A Propos Abwechslung… der Bildschirm meines PCs zeigt mal wieder den selben Text an, wie eh und je. Er ist wie alles hier aus Lego und eigentlich besteht meine Arbeit darin, stundenlang in der selben Position vor dem Bildschirm zu sitzen und zu warten. Es gibt nichts langweiligeres und eigentlich ist das sogar Folter. Aber immerhin werde ich dafür bezahlt.

Was für ein Glück, dass wir heute Freitag haben. Heute Abend kann ich mal wieder die Sau raus lassen. Das Wochenende ist die Rettung meines Daseins. Ohne Wochenende gäbe es keinerlei Abwechslung in meinem Leben.

Nach getaner Arbeit – was auch immer ich getan habe – steige ich ins Auto und fahr sofort in die nächste Bar, wo ich mir ein Bier bestelle. Hier und da sind ein paar Bekannte, man kommt ins Gespräch, man lacht, man scherzt, man trinkt. Vor allem trinken.

Und an den Rest kann ich mich nur noch wenig erinnern. Da war diese blonde Frau. Lego-Frau. Auch sie hat getrunken. Sie fand mich niedlich. Und da war ich auf dem Klo. Kotzend. Ich weiß noch, dass die Kotze aus kleinen grünen und gelben Lego-Steinen bestand und ich das faszinierend betrachtet habe. Und dann waren die Frau und ich im Auto. Ich fuhr. Richtung Wohnung. Fuhr gegen eine Laterne, das Auto ging kaputt. Immerhin ist nichts geschehen und ich konnte die Teile auseinander bauen und irgendwie ein halbwegs passables Gefährt zusammenschustern, bevor die Polizei kam.

Schließlich waren wir bei mir. Sie war nackt, ich war nackt. Wo sie die nackten Teile für ihren Körper her hatte, weiß ich nicht. Vielleicht in der Handtasche? Lego-Frauen konnten ziemlich viel in Handtaschen verstecken. Irgendwie hatten wir wohl Sex – ich weiß allerdings nicht so recht wie, ich habe ja nicht mal einen Penis! Aber es hat wohl geklappt und wenn ich mich recht entsinne, hat es sogar Spaß gemacht.

Jetzt wache ich auf, immer noch nackt und sie neben mir, ebenfalls nackt. Mein Kopf dröhnt, tut weh, zerspringt. Erst mal eine Aspirin und dann das Mädel nach Hause schicken. Naja… vielleicht bekommt sie auch erstmal ein Frühstück. Man hat schließlich doch noch Manieren.

5960 Wörter, noch weitere 44040 to go (tolle Zahl!), etwa 12%

Wenn ich ein Vogel wäre…

Hatte jemand von euch schon mal einen solchen Tagtraum? Man stellt sich vor ein Vogel zu sein. Fliegt einfach los. Sieht alles von oben.

Wenn ich ein Vogel wäre, würde ich in meinem kleinen Dorf losfliegen. Ich würde mein Haus sehen, das Carport davor, den Parkplatz, den Garten und die Autos. Ich würde die Gartenliegen und -stühle natürlich nicht sehen können. Die sind unter der großen grünen Plane dort auf der Veranda, winterfest eingelagert. Es ist ganz schön kalt, das muss ich zugeben. Der Winter naht.

Ich fliege vom Haus weg, schlage sanft mit den Flügeln, lasse mich emportreiben. Die Strasse mit ihren wenigen Autos unter mir. Kaum jemand ist zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs. Ist wahrscheinlich zu kalt. Und falls ich doch mal einen Fußgänger entdecke, dann ist es nur jemand, der vom Auto schnell ins Haus geht. Ich fliege weiter, die Strasse hinunter zur Grundschule. Sehe den vom Bäumen umgebenen Schulhof, die Tore, den Zaun, die Kletterstangen, die kleinen Holzhäuschen. Und all die Bänke, Tische, die Treppe, das Schulschild und die Tischtennisplatte.

Lange bleibe ich nicht hier. Ich fliege weiter, höher nun. Kann das ganze Dorf von oben erkennen, den See, die Sporthalle, die Biogasanlage, den Gasthof. Viel ist tatsächlich nicht los. Geradezu langweilig hier. Ein Windstoß lässt mich frösteln. Was mache ich noch hier? Ich sollte in den Süden fliegen.

Gesagt, getan, ich mache mich auf, fliege in Richtung See davon und über ihn hinweg. Woher ich weiß, wo Süden ist? Keine Ahnung, ich weiß es einfach. Das ist wohl so ein ungelöstes Rätsel, warum wir Vögel sowas einfach wissen. Schließlich hat es uns nie jemand gesagt.

Während ich fliege, zieht unter mir die Landschaft vorbei. Wiesen, Felder, Strassen, Autos, Kühe, Pferde, Bäume, Wälder, Knicks, Autobahnen. Hamburg.

Hamburg! Der Blick von oben auf die hell erleuchtete Stadt ist einfach gigantisch! Es verschlägt mir die Sprache. Es ist so wunderwunderschön. All die geschäftigen Autos, Menschen, Fahrräder unter mir. Hier oben hört man kaum etwas von dem Großstadtlärm, was den Eindruck erweckt, man habe eine Ameisenhaufen-Las-Vegas entdeckt, mit all dem Licht und kleinen tummelnden Autos.

Irgendwann kann ich mich losreißen und fliege weiter, bisher habe ich immer wieder neue Runden gedreht. Es gab nun mal so viel zu entdecken. Aber mir ist immer noch kalt, ich will weiter. Doch sehr weit komme ich heute nicht mehr. Es ist dunkel, das Fliegen ist anstrengend. Ich bin mitten in Niedersachsen. Der nächstbeste Baum wird zum Opfer bestimmt und ich setze mich auf einen Ast und schließe die Augen. Morgen fliege ich weiter…

5332 Wörter, noch weitere 44668, knappe 11%

Morgenröte

Nachdem ich die letzten Tage keine Zeit hatte, was zu schreiben, habe ich jetzt umso mehr. Ich sitze gerade in der Bahn, bin auf dem Weg nach Kiel. Es ist viertel nach sieben, also noch mitten in der Nacht für einen Sonntag. Ich bin nicht ausgeschlafen, grummelig und hoffe, demnächst anzukommen. Starre aufs Handy und höre Musik. Frank Turner – I still believe läuft gerade, während ich das hier schreibe. Im Refrain heißt es:

Something as simple as Rock’n’Roll can save us all.

Doch auch wenn ich diese Zeilen liebe und sie aus vollem Herzen zu meiner Lebenseinstellung wählen würde, ist das längst nicht das einzige, was uns retten kann. Es reicht schon aus, grummelig in der Bahn zu sitzen, sich einen Kaffee zu wünschen, dem Blick vom Handy zu heben und plötzlich völlig von dem Schauspiel gefangen genommen zu werden, das sich draußen abspielt.

Ein alltägliches Schauspiel, aber ein besonderes. Der Aufgang der Sonne, die die wenigen am Himmel hängenden Wolken in ein pastellfarbenes Rot taucht, satte Farben und wunderschöne Übergänge. Die Farbe wechselt langsam von Rot nach Lila. Genial.

Es geht mir sofort wieder gut und ich kann mich endlich auf einen Tag freuen, auf den es sich von Anfang an zu freuen gelohnt hat.

4909 Wörter, noch 45091 weitere, kurz vor 10%

Glockengeläut

Wisst ihr eigentlich, welches Thema mich seit Jahren einnimmt? Hochzeiten – so seltsam das auch klingen mag. Immerhin bin ich ein Kerl, da sollte man meinen, Hochzeiten seien mir egal. Sind sie aber nicht. Nicht wirklich.

Nicht, dass jetzt ein falscher Eindruck entsteht: Ich habe nicht vor, mich zu verloben, noch nicht jedenfalls. Mit meinen 22 Jährchen hat das noch eine Weile Zeit. Aber schon bei dieser ganzen Verlobungssache gibt es einige Dinge, die mich stören oder wo ich mir zumindest meinen Teil dazu denke.

Zum Beispiel der Verlobungsring. Ich bin ein wenig altmodisch und der Meinung, als Kerl ist es meine Pflicht den Antrag zu machen. Das ist eben Männersache. Aber… wie findet man den passenden Ring? Mit „passend“ ist nicht gemeint, dass er zu der Dame des Herzens passen sollte, sondern wirklich nur die Ringgröße. Woher bitte soll ich wissen, wie groß der Ring sein muss, den ich ihr zu kaufen gedenke? Natürlich – ich kann sie fragen, aber zweierlei Dinge stehen da im Wege: Erstens weiß sie es möglicherweise auch nicht und zweitens und viel wichtiger: Sie soll vom Antrag ja auch nichts wissen. Wenn ich sie aber frage, wie dick ihr Finger ist und welche Größe der Ring an ihrem linken Ringfinger haben muss… also wer da nicht merkt, dass ich einen Verlobungsring besorgen möchte, muss schon ganz schön doof sein.

Ich kann aber auch schließlich nicht ihren Finger umfassen, meine Finger starr in der Position lassen und zum Ringgeschäft meines Vertrauens gehen und sagen: „Einmal den da, in dieser Größe!“ und dabei den Verkäufer meine höchstwahrscheinlich schon halb abgestorbene Hand hinhalten.

Was mich noch stört: Der passende Augenblick. Dieses Mal ist es tatsächlich übertragend gemeint, niemand muss den Augenblick anziehen oder am Finger tragen.

Muss ich mit ihr ins Restaurant bei Kerzenschein, ins Theater oder gar auf das Konzert ihrer Lieblingsband, wo ich natürlich schon im Vorwege garantiert habe, mitten während der Show mit ihr auf die Bühne gelassen zu werden und den Antrag zu machen?

Reicht es nicht, nach einem schönen Spaziergang vor ihr auf die Knie zu fallen? Ja, reicht es nicht, wenn wir gerade traute Zweisamkeit haben? Muss man immer alles so kompliziert machen?

Und überhaupt, heiraten an sich: Kirche oder Kloster oder Vatikan oder auf hoher See? Priester, Pastor, verrückter visionärer Dorfprediger, Kapitän des nächstbesten Fischkutters? 11.11. oder 29.02. oder lieber einfach so schnell es geht? Wer und wann und wo – und wie?

Wie soll die Hochzeit stattfinden? Märchenhochzeit? Äußerst traditionell? Schocker und Rocker?

Was für ein Glück, dass ich noch Zeit habe. Aber ich denke, wenn es soweit ist, werde ich in Panik verfallen, alle Pläne über den Haufen werfen und eine heidnische Zeremonie im Wald veranstalten, wo wir eine Jungfrau auf einem Opferstein töten, uns mit ihren Blut Runen ins Gesicht schmieren und uns damit besaufen und alles in einer Orgie ausartet.

4703 Wörter, 45297 weitere folgen noch, irgenwo zischen 8% und 9%

Wie im Märchen

Habt ihr schon mal über Märchen nachgedacht? Wahrscheinlich eher nicht. Warum auch? Es sind Geschichten für Kinder. Ich allerdings habe heute eine ganze Menge über dieses Thema philosophiert. Und über alternative Märchen – wie ich sie einfach mal mangels eines besseren Wortes nennen möchte.

Ich meine – stellt euch doch nur mal folgendes vor: Was wäre, wenn die Märchen die wir kennen, nur die eine Seite der Medaille sind? Was passiert, wenn wir die Geschichte aus einem anderen Blickwinkel betrachten?

Als Beispiel möchte ich gerne „Schneewittchen“ nehmen. Fast jeder kennt die Story seit der Kindheit: Stieftochter, bildhübsch, wird von der Stiefmutter gehasst. Jäger soll sie umbringen, kann es aber nicht übers Herz bringen. Schneewittchen findet Zuflucht bei sieben Zwergen, Stiefmutter findet sie aber und gibt ihr einen vergifteten Apfel. Nur ein schöner Prinz kann sie durch einen Kuss retten.

So gesehen ist Schneewittchen das Opfer. Wenn man aber mal die Rollen tauscht und der Stiefmutter die Opferrolle zuschiebt, wird die Geschichte plötzlich anders. Eben alternativ.

Vielleicht wollte sie nur das Beste für ihre Stieftochter? Vielleicht ging sie vor Kummer und Gram zugrunde, als der sadistische Jäger Schneewittchen entführte und der Königin das angebliche Herz der Stieftochter zeigte? Wie überglücklich musste sie gewesen sein, als sie herausfand, dass Schneewittchen noch lebte?

Sicher konnte sie nicht anders – als liebende Mutter musste sie Schneewittchen unbedingt sehen. Doch besorgt, dass der Jäger – der damals nach seiner grauenhaften Aktion sofort das Weite gesucht hat – herausfand, wo sich sein Opfer befand, beschloss die Königin sich zu verkleiden und nahm ein paar Äpfel mit.

Und oh weh – wie musste sie ein weiteres Mal leiden, als sich der Apfel als vergiftet herausstellte! Spätere Nachforschungen ergaben übrigens, dass der Apfel vom Jäger kam und für sie selbst bestimmt gewesen sei. Doch das bekam sie schon nicht mehr mit, denn vor lauter Kummer wurde sie selbst krank und verstarb – ohne das glückliche Ende mit zu bekommen.

Das ist nur eine Möglichkeit, die Geschichte dar zu stellen. Aus Sicht der Zwerge würde es – kurz umrissen – vielleicht so aussehen:

Eines Tages war da dieser heiße Feger. Ein Störenfried in ihrer Männer-WG. Frauen waren Spielverderber. Kein Bier mehr, kein Furzen, kein Rülpsen, kein Fußball. Aber immerhin war sie heiß. Und auch irgendwie nett. Nett genug, um ihnen… zu Diensten zu sein, möchte ich mal sagen.

Doch dann starb sie plötzlich. Woran, das wussten die kleinen Männer nicht. Aus Angst vor einer ansteckenden Krankheit schlossen sie das Schneewittchen hermetisch abgeriegelt weg. Und eigentlich waren sie auch ganz froh, als dieser nekrophile Prinz sie ihnen spottbillig abkaufte. Endlich wieder Bier, Furzen, Rülpsen und Fußball. Das Männer-Leben war gerettet!

Man siehe: Märchen sind nicht gleich Märchen. Der Blickwinkel ist ebenfalls wichtig. Während dieser Überlegungen spukte mir im Übrigen die ganze Zeit ein Bild von einer polizeilichen Morduntersuchung im Kopf herum. Einer der Zwerge wurde da ins Büro gebeten, um ihn zu dem Fall „Schneewittchen“ auszufragen. Doch vorher mussten die Personalien geregelt werden. Der Polizist fragte: „Name und Vorname?“ – „Zwerg, Fünfter!“ – „Sie heißen Fünfter Zwerg?“ – „Ja – was dagegen?“

Ich habe mich aber noch eingehender mit dem Thema Märchen beschäftigt. Man hat mir mal gesagt, eigentlich seien das Geschichten für Erwachsene. Konnte ich kaum glauben. Scheint aber zu stimmen. Andererseits – wenn ich überlege, was die Geschichten für Wirkungen haben könnten… und worum es da eigentlich geht…

Es ist von blutigen Herzen als Beweis des Todes die Rede. Von aufgeschnittenen und mit Steinen gefüllten Wölfen, die in den Brunnen fallen. Von abgehackten Hacken. Von Prinzessinnen, die sich die Füße blutig tanzen. Von unzähligen Edelmännern, die tot im Dornengestrüpp hängen. Von an die Wand geschmissenen Fröschen.

Was muss das denn bitte für eine Wirkung auf Kinder haben? Ich warte nur darauf, dass ich selbst mal Kinder habe und sie deswegen nachts nicht mehr schlafen können. Oder Kinder, die ihre Stiefmutter als Drachen bezeichnen und ihn fertig machen möchten – soweit kommt es hoffentlich nie, dass meine Kinder eine Stiefmutter haben!

Und dennoch – all diese Horrorszenarien werden aller Wahrscheinlichkeit nach nicht eintreffen. Denn wenn mir Märchen nicht geschadet haben, dann wird es meinen Kindern sicherlich ebenso gehen. Zumindest besteht eine gewisse Hoffnung, dass dem so ist…

4235 Wörter geschafft, d.h. noch weitere 45765 zu schaffen. Immerhin schon fast genau 8.5%!